Zum Inhalt springen

Meine Klassenlehrerin – eine Geschichte von Diskriminierung

Last updated on Mai 3, 2021

Ich möchte hier die Geschichte eines türkischen Grundschülers erzählen.

Meine eigene Geschichte.

Als ich an einer Grundschule in Ludwigsburg in die dritte Klasse kam, bekamen wir eine neue Klassenlehrerin.

Sie war anders als meine vorige Klassenlehrerin.

Wir waren zwei türkischstämmige Kinder in der Klasse.

Ein Junge und ein Mädchen.

Wir saßen an verschiedenen Tischen.

Als wir beiden im Unterricht aus Versehen zweimal nacheinander Schreibmaterialien fallen ließen, reagierte unsere Klassenlehrerin prompt:

„Erst lässt der Türke seinen Stift fallen, dann die Türkin.

Dann wieder der Türke, und dann wieder die Türkin.“

Denn sie war sehr aufmerksam, wenn es um Türken ging.

Auf einem Klassenausflug hatte sie der Frau meines Schulleiters direkt neben mir erklärt:

„In der Türkei müssen die Frauen arbeiten und die Männer trinken Tee!“

Sie war nie in der Türkei gewesen, wie sie uns aus einem anderen Anlass erzählte.

Sie war aber oft in der Nähe ihres türkischen Schülers.

Als ich eines Tages bei einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Mädchen und den Jungen unserer Klasse vermittelte und den Mädchen in der Pause im Namen der Jungen einen Erklärungsbrief übergeben wollte, griff unsere Klassenlehrerin ein:

„Das kannst du mit den Mädchen in der Türkei machen!

Bei uns in Deutschland darfst du das nicht!“

Womöglich war dieser Vorfall für sie der Anlass zu einem Unterrichtsgang, wie er mir in ähnlicher Form in den nächsten Jahrzehnten noch oft begegnen sollte.

Meine Klassenlehrerin war bekannt als fromme Christin.

Sie hatte uns einige Male davon berichtet, dass der Erlöser der Menschen gekommen war.

Im Mathematik- oder Deutschunterricht.

Nun hatte sie das erste Mal Koran- und Bibelstellen mitgebracht.

Wie neugierig ich war, der ich viel Schönes von meinem Vater über den Koran gehört hatte.

Es sollte nun um die Stellung der Frau gehen.

Doch was war das?

Die von meiner Klassenlehrerin mitgebrachten Koranzitate erschütterten mich.

Vom Schlagen der Ehefrau, und vom Heiraten mehrerer Frauen zugleich war da die Rede.

Ihre Bibelzitate hingegen strahlten von Liebe, Wärme und Gleichberechtigung.

Die Zitate wurden im Plenum laut vorgelesen.

Und miteinander verglichen.

Tief in mir schmerzte etwas.

Empört schrie ich: „So etwas steht nicht im Koran!“

Aber meine Klassenlehrerin reagierte nicht auf meinen Ruf.

Sie machte entschlossen und unbeirrt weiter.

Dieser Schriftenvergleich fand im Mathematik-, oder im Deutschunterricht statt.

Es wurde auch Jahre später nie danach gefragt, mit welcher Berechtigung sie Koran- und Bibelstellen im Unterricht verglich, zudem auf diese Weise.

Ich weiß nur noch, dass mir meine Eltern nicht erklären konnten, ob solche Koranverse wirklich existierten, oder was es damit auf sich haben könnte.

Wir waren eine gläubige muslimische Gastarbeiterfamilie.

In den gläubigen türkisch-muslimischen Gastarbeiterfamilien kannte sich damals weit und breit niemand im Korantext aus.

Weil Religion im Alltag vor allem Identität, Tradition und Ritual bedeutete.

Und schon gar nicht auf Deutsch.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass in der Schule über meine geliebte Religion, den Islam, gesprochen wurde.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mir aus dem Arabischen übersetzte Koranverse begegneten.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit den für mich unerreichbaren Quellen meiner geliebten Religion öffentlich beschämt wurde.

Vor meiner gesamten Klasse.

Von einer als fromm geltenden Christin, die fest daran glaubte, dass der Erlöser der Menschheit gekommen war.

Und die offensichtlich meinte auf diese Weise ihrem Erlöser zu dienen.

Der Stachel saß tief.

Tiefer, als sie es sich wohl je erhofft hätte.

Diese eine Kränkung, dieser eine Tag hat mein Leben verändert.

Er war der Beginn meiner Islam-Biografie.

In der dritten oder vierten Klasse.

Nicht ich hatte ihn mir ausgesucht.

Sondern meine Klassenlehrerin.

Sie war auf ihrem Feldzug nicht alleine.

Sonst wäre all dies über so eine lange Zeit nicht möglich gewesen.

Über ihr stand ein Schulleiter, der ebenfalls nachhaltige Eindrücke bei mir hinterließ.

Eines Tages sollten wir uns auf einer Schulveranstaltung für eine Vorführung vor den Eltern in der Halle der Schule versammeln.

Auf einmal schrie mich unser Schulleiter für alle Beteiligten gut hörbar an:

„Stell dich endlich in die Reihe, du Scheiß-Türke!“

Auf die Regungslosigkeit in meinem Körper und meinen schockierten Gesichtsausdruck reagierte er mit den Worten:

„Was glotzt du mich so an? Na los!“

Ich hatte offensichtlich seine vorigen Aufforderungen überhört.

Dies war nun die Konsequenz.

Meine Eltern wussten nicht von dieser Schulveranstaltung.

Sie waren nicht anwesend.

Einige Zeit später erhielt ich von meiner Klassenlehrerin den Auftrag das Klassentagebuch zu genau diesem Schulleiter zu bringen, der gerade im Unterricht war.

Mit zitternden Knien stand ich an der Schwelle zum Raum, in dem er unterrichtete.

Und klopfte langsam an.

Es brummte von innen: „Ja?“

Ich öffnete die Türe.

Vor mir saß unser Schulleiter und seine Klasse.

Zwischen uns ein tiefer Abgrund.

Ich versuchte zu reden,

stotterte und stammelte,

unverständliche Wortfetzen bröckelten mir von den Lippen.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Der Schulleiter winkte mich mit einer großzügigen Geste zu sich.

Gekrümmt unter dem Gelächter der Klasse lief ich zu ihm und reichte ihm das Tagebuch.

Ich weiß nicht mehr, was er sagte, wie ich antwortete, ob ich überhaupt etwas antwortete und wie ich zurückkam.

Mein Auftrag war es gewesen das Klassentagebuch zu ihm zu bringen.

Dabei war ich an meine äußersten Grenzen gestoßen.

Ich bat meinen Vater darum etwas zu tun.

Zur Schule zu gehen.

Zum Schulleiter.

Zu meiner Klassenlehrerin.

Er sollte diesen Alptraum beenden, ein Wort für mich einlegen, Partei für mich ergreifen.

Damit ich wieder ein Grundschüler wie jeder andere werden konnte.

Mein Vater sah mich traurig an.

Er sagte:

„Sie tun dir großes Unrecht an.

Aber wenn wir jetzt etwas unternehmen,

dann werden sie dich nicht aufs Gymnasium lassen.“

Mein Vater, meine Gier nach Wissen, meine Noten.

Nichts konnte den Abgrund, der sich mir von allen Seiten näherte, aufhalten.

Jahrzehnte sind nun vergangen.

Manchmal versuche ich zu verstehen, was damals wirklich los war.

Aber meistens versuche ich es zu verdrängen.

Und rede mir ein, dass ich im Laufe meines Lebens eigentlich nie wirklich diskriminiert wurde.

Aber das stimmt nicht.

Ich bin diskriminiert worden.

Die emotionale Bedeutung des Wortes Diskriminierung ist mir von meiner Klassenlehrerin, von meinem Schulleiter und von allen stummen Zeugen in die Seele eingebrannt worden.

So wie vielen Diskriminierungsopfern.

Und wie die meisten von ihnen wählte ich den Weg darüber zu schweigen.

Als ob der Diskriminierte derjenige wäre, der die Scham verdient, und nicht der Täter.

Aber auch das stimmt nicht.

Hier ist ein moralisches Verbrechen begangen worden.

Wie es auch heute an vielen Menschen aus verschiedensten Anlässen begangen wird.

Von Menschen in Machtpositionen, die sich trotz der Verwerflichkeit ihrer Tat nicht der geringsten Schuld bewusst sind.

Von Menschen, die sich dessen sicher fühlen, dass sie keine Rechenschaft für ihre Taten ablegen müssen.

Dass die Geschädigten niemanden haben werden, der für sie Anklage erhebt.

Begangen von Menschen, die ihre kalt inszenierte Demütigung von schwächeren Menschen als ein bloßes Aussprechen von Wahrheiten ausgeben.

Sie lügen.

Sie belügen sich selbst und alle anderen.  

Gegen Ende meiner Grundschulzeit sagte mir meine Klassenlehrerin,

dass ich mich entscheiden solle,

ob ich eine Eins in Mathematik und eine Zwei in Deutsch,

oder eine Zwei in Mathematik oder eine Eins in Deutsch haben möchte.

Warum ich mich entscheiden sollte, war mir nicht klar.

Aber nun wusste ich, dass das Gymnasium gesichert war.

Ich nahm die Eins in Mathematik.

Denn mein Vater hatte mir gesagt, dass Mathematik alle Tore öffnen würde.

Wer Mathematik beherrscht, könne auch alles andere erlernen.

In den letzten Schultagen teilte mir meine Klassenlehrerin zum Abschied mit,

dass ich zwar intelligent sei,

aber dass ich aufgrund meiner Faulheit keine Chance am Gymnasium hätte.

Mein bester Freund hingegen, der ein fleißiger Italiener war, hätte beste Chancen.

Ich kam aufs Gymnasium, als eines von vier Kindern meiner Klasse.

Muss ich dafür nun dankbar sein?

Muss ich aufhören über dreißig Jahre nach diesen Ereignissen aus heiterem Himmel über diese Dinge zu schreiben?

Wo ich doch auch ohne die Mühsal des zweiten Bildungsweges direkt aufs Gymnasium durfte, also hinterher doch „alles gut“ war?

Genau dies ist die Logik, die durchbrochen werden muss.

Nicht das Diskriminierungsopfer, sondern der Diskriminierungstäter hat sich schuldig gemacht.

Das Verjähren einer solchen moralischen Schuld richtet sich nicht nach dem Komfort des Täters.

Darum ist nicht das Sprechen des Opfers, sondern das Schweigen des Täters und der tatenlosen Zeugen das eigentliche Problem, das Scham verdient.

Zu glauben, dass Diskriminierung nur punktuell vorkommt und danach ja ohnehin „alles gut“ ist, ist zudem purer Zynismus.

Echte Narben bleiben ein Leben lang.

Selbst wenn sie verleugnet werden, so verfolgen sie einen so still und unentrinnbar wie der eigene Schatten.

Ferner finden Diskriminierung und Demütigungen ständig und allerorts statt, unter etlichen Vorwänden.

Diskriminierungsopfer wünschen sich auch Solidarität.

Aber sie wünschen sich vor allem Gerechtigkeit und Aufarbeitung.

Der Anlass, warum ich in dieser Erinnerung schürfe,

ist womöglich, dass ich nun selbst Vater eines Grundschülers bin,

und dass längst Verdrängtes nun regelmäßig wieder in mein Bewusstsein zurückkehrt.

Und mich an das Gestochenwerden erinnert, auch wenn ich den Stich selbst längst hinter mir gelassen zu haben glaube.

Der Anlass, warum ich in dieser Erinnerung schürfe,

ist auch mein Wunsch,

dass sich nie wieder ein Kind oder ein Jugendlicher

von Schulleitern und Klassenlehrern,

von Menschen in Machtpositionen,

demütigen lassen muss,

aufgrund seiner Herkunft,

seines Glaubens,

seiner sonstigen Identität.

Und dass nie wieder ein Vater zu seinem gedemütigten Sohn sagen muss:

„Sie tun dir großes Unrecht. Aber wenn wir jetzt etwas unternehmen, dann werden sie dich deiner Zukunft berauben.“

Einige Jahre, nachdem ich auf das Gymnasium durfte, erfuhr ich von einem jüngeren Freund,

dass meine Klassenlehrerin Jahre nach mir von mir gesprochen hatte.

Vor der ganzen Klasse.

Sie hatte erzählt, was für ein exzellenter und vorbildlicher Schüler ich gewesen war.

Meine Klassenlehrerin schätzte mich sehr.

Wie ich erfuhr.

Nun.

Wo die endlose Demütigung vorbei war.

Meine Klassenlehrerin ist vor einigen Jahren gestorben.

Die Chance meine Grundschulzeit in einem Gespräch mit ihr aufzuarbeiten ist mit ihr gegangen.

Aber ich würde es mir auch heute noch sehr wünschen.

Von ihr selbst zu hören,

dass ich für sie eigentlich ein exzellenter und vorbildlicher Schüler gewesen war.

Die dröhnenden Abgründe.

Sie sind verstummt.

Sie ruhen.

Sie haben sich nie ganz geschlossen.

Meine Klassenlehrerin.

Möge sie in Frieden ruhen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.